Meine Freundin Regina

Eine allein erziehende Mutter von drei Mädchen

Regina lernte ich bei einer meiner ersten Keniareisen im Jahr 2006 kennen. Zusammen mit meinem Sohn verbrachten wir einen dreiwöchigen Keniaurlaub anlässlich seines erfolgreich bestandenen Abiturs. Mir war wichtig, dass er auch mal sah, wie Gleichaltrige auf einem anderen Kontinent wohnen und dass es wesentlich dringlichere Probleme gab, als das Gewicht seines neuen Laptops.

 

Regina war damals Angestellte im Haller-Park, einem wunderschönen Tier- und Pflanzenpark in der Nähe von Mombasa. Ihre Telefonnummer hatte ich von einem Freund bekommen, der damals Mitarbeiter bei einem Kenia-Spezial-Reiseveranstalter war. Ich fragte ihn vor unserem Abflug, ob er nicht Einheimische kenne, die wir vielleicht auch zu Hause besuchen könnten. Wir wollten mehr sehen als nur die gepflegte Hotelanlage und das, was uns bei organisierten Ausflügen angeboten werden würde.


So wusste ich schon vorher, dass Regina zwei kleine Mädchen hat...

Regina Mutava in der Angestellten-Unifom vom Haller-Park in Mombasa

Da ich mein Englisch nicht für so ausreichend befand, um am Telefon Erklärungen abzugeben, bat ich eine Mitarbeiterin von der Hotel-Rezeption darum, im Haller-Park anzurufen und Regina ans Telefon zu holen. Ich hoffte, dass ihr Deutsch so gut sein würde, dass sie mich verstand. Und so war es zum Glück auch! Zudem war sie ganz aus dem Häuschen, Besuch aus Deutschland zu empfangen. Sie bat uns, dass wir noch am selben Tag zu ihr kommen. Sie wollte uns so schnell wie möglich kennen lernen...

 

Das passte uns gut und so fuhren wir recht bald mit dem Taxi zum Haller-Park. Wie es wieder so ist, alle kennen sich irgendwie, jedenfalls war der Taxifahrer zufällig auch ein guter Bekannter von Regina und er nahm an, dass wir uns auch schon ewig kannten...

Regina begrüßte uns dann auch am Eingangstor mit vielen Umarmungen und Küssen, so als ob wir alte Freunde wären! Keine Spur von Distanz. Und im Grunde begann so unsere wunderbare Freundschaft.

 

Regina führte uns durch den Park, zeigte uns die Vielfalt der Bäume und Blumen und erzählte Geschichten über den Haller-Park, die Mitarbeiter und über die Tiere. Einige Tiere stellte sie uns auch persönlich vor, gerade auch meine Liebslingstiere - die Riesenschildkröten, von denen sie natürlich jede mit Namen kannte ;-)

Sie ging mit uns verschlungene Wege, die sonst vielleicht Touristen nicht zu sehen bekommen, besorge Griaffenfutter zum füttern und animierte uns sogar, dass wir uns Schlangen um den Hals legten!!!

 

Als die Zeit im Park vorbei war, stellte ich die Frage, um die es uns ja hauptsächlich ging. Nämlich, ob wir sie mal zu Hause besuchen kommen könnten. Zuerst war sie irritiert, weil das ja komplett unüblich ist. In Hotels ist es sogar verboten, dass Angestellte privaten Kontakt zu den Urlaubern haben. Aber nach einer kurzen Bedenkzeit war sie einverstanden. Sie lud uns sogar zu ihrem Geburtstag ein! Sie wollte für uns kochen...

Und Geschenke hatten wir ihr ja auch in Aussicht gestellt! Schließlich hatten wir jede Menge Klamotten aus Deutschland mitgeschleppt, für Erwachsene, aber vor allem auch ganz viele Kindersachen!

Einheimische kochen zu Hause in Mombasa
Regina kocht mit ihrer Freundin für uns
Innenhof in einem Haus in Mombasa mit Wäscheleinen
Hof, von dem Reginas Zimmer abgeht
Ina Bärschneider mit einem kleinen kenianischen Mädchen auf dem Schoß
Mit Anna, der jüngsten Tochter

Dann kam der Tag unseres ersten Besuches bei ihr. Wir hatten uns vorher auf ALLES eingestellt, weil wir ja so gar nicht wussten, wie sie wohnt. Und doch waren wir dann ziemlich entsetzt. Immerhin ist sie eine studierte leitende Angestellte gewesen, für kenianische Verhältnisse mit einem etwas „besseren“ Gehalt, von ca. 80 EUR im Monat. Im Gegensatz zu den umgerechnet 50 EUR, die ein normaler Hotelangestellter verdiente.

 

Wir trafen uns zu ihrem Feierabend am Haller-Park und fuhren gemeinsam mit einem Matatu zu ihrem Wohnviertel. Sie wohnte damals in einem Vorort der Metropole Mombasa, kein Slum und auch keine Lehmhütten... Das Wohnviertel war gekennzeichnet durch unverputzte, ebenerdige, grob gemauerte, unschöne Häuser. Dazwischen Müllberge und rumlaufende Kinder und Ziegen...

 

In einem dieser Häuser bewohnte Regina zusammen mit den Kindern ein gemietetes Zimmer, ca. 16 qm groß. Kein Wasser, Strom gab es manchmal...

Die Häuser sind so gebaut, dass man durch ein Tor in einen Innenhof tritt, von dem mehrere Zimmer/Wohneinheiten abgehen. In diesem Haus lebten ca. 30 Menschen. Für alle gab es einen Raum, in dem gekocht werden konnte. Keine Küche in unserem Sinne, sondern nur festgetretener Boden auf dem jeder seinen Gaskocher stellen kaufte. Es gab keine Möglichkeiten Lebensmittel zu bevorraten. Jeder kauft im Grunde täglich das, was er an diesem Tag auch verzehrt.

Dann gab es noch einen Raum mit einem Loch in der Erde. Das war für alle Personen die Toilette.

Keine Dusche, kein fließendes Wasser.

 

Jegliches Wasser für den täglichen Bedarf muss gekauft werden und in großen Wasserkanistern geschleppt werden. Wasser zum kochen, zum Wäsche waschen und zur Körperpflege. Das tägliche Leben mit Geschirr und Kleidung waschen spielt sich für alle im Innenhof ab.

 

Reginas Zimmer war mit dem notwendigsten eingerichtet: ein breites Bett auf dem die drei Kinder schliefen, ein Sofa, auf dem die Mutter schlief, ein Tisch, einige Regale an den Wänden, wo die Habseligkeiten, Kleidung, Schulsachen und einige Bücher verstaut waren. Die Schulkleidung, die täglich gewaschen werden musste, hing auf Bügeln an der Wand.

 

Wir erfuhren dann, dass das älteste Kind, Maria, gar nicht ihr eigenes war. Ihre Schwester war so an Malaria erkrankt, dass Sie nicht mehr in der Lage war, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern. So wurden sie quasi in der Familie „aufgeteilt“ und Regina kümmerte sich nicht nur allein um ihre beiden, sondern auch noch um ihre Nichte. Der Vater von Anna und Irene hatte sich früh aus dem Staub gemacht. Unterhaltsregelungen, wie man sie aus Deutschland kennt, gibt es in Kenia nicht, so dass die alleinige Verantwortung, auch die finanzielle, bei Regina lag.

Zwei kenianische Frauen im Stoffladen in Mombasa
Bei der Näherin neue Schuluniformen in Auftrag geben
eine Kenianerin im Schreibwarenladen in Mombasa mit einem Verkäufer
Schulmaterialien für die drei Mädchen kaufen
Drei Kenianer bei der Begutachtung von neuen Gardinen in Mombasa
neue Gardinen werden ausgewählt

Für uns war schnell klar, dass wir helfen wollten! Wir machten in Mombasa mit der ganzen Familie mehrere Einkäufe: Schuhe und andere Bekleidung für die Kinder, etwas für die Wohnung und vor allem Schulsachen, also Bücher, Hefte, Stifte und Arbeitsmaterialien wie Tuschkasten und Zirkel. Für die obligatorische Pflicht-Schuluniform kauften wir Stoffe, die dann bei einer Näherin in Auftrag gegeben wurden.

 

So begann vor vielen, vielen Jahren mein "persönliches" Hilfsprojekt! Allen Menschen in Kenia oder gar in Afrika zu helfen ist illusorisch. Aber so wusste ich genau, dass es eine konkrete Hilfe war.

 

Später richtete ich Regina ein Konto bei der Barclays Bank ein, auf das ich regelmäßig das Geld für die Schulgebühren und andere lebensnotwendige Dinge überwies.

Ina Bärschneider zusammen mit ihrer kenianischen Freundin Regina in ihrem Zimmer in Mombasa

Bei meiner Reise im Jahr 2012 fassten mein damaliger Lebensgefährte und ich den Entschluss, Regina und den Mädchen eine bessere und komfortablere Wohnung anzumieten. Seitdem überweisen wir die Miete für eine wunderschöne 3-Zimmer-Wohnung in einem Vorort von Mombasa mit eigener (richtiger) Küche, eigenem Bad mit WC, fließendem Wasser - komplett möbliert. Für kenianische Verhältnisse fast schon luxuriös ;-)